Notfallfonds

Damit die Bausparkassen während der Finanzkrise und Zeiten anhaltend niedriger Zinsen ihre alten Verträge mit relativ hohen Zinszusagen bedienen können, verkaufen sie seit drei Jahren ihr Tafelsilber. Dabei handelt es sich eigentlich um einen Notfallfonds. Aber bald ist ihre Besteckschublade leer, das Tafelsilber geht den Kassen aus. Die Bausparkassen BHW, der Debeka-Gruppe und der Signal-Iduna haben kein Silber mehr. Ihr Notfallfonds ist geleert.

Bausparkassen sind spießig und langweilig, wie uns vor einigen Jahren die bekannte LBS-Werbung suggerierte:

Also: Bausparkassen sind Spießer. Oder? Mit der Finanzkrise hatten sie offenbar nichts zu tun. Die Baukassen agieren offenbar in einem eigenen Universum: Sie sammeln Spargelder der Leute für Billigzins ein. Dafür geben sie Baukredite, ebenfalls billig für „kleines Geld“. Zu einem Minizins, der den Häuslebauern das Bauen leichter macht.

Allerdings haben die Baukassen bei ihren Kunden in den vergangenen Jahren immer wieder mit heutzutage hoch erscheinenden Zinsen von etwa drei Prozent (oder mehr) für langlaufende Verträge der Sparer geworben – die sie heute bedienen müssen. Ähnlich taten es die Lebensversicherer.

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Die Misere auf einen Blick

Das sich seit Jahren verstärkende Problem der Bausparkassen besteht darin: immer mehr Verbraucher nutzen ihren hoch verzinsten Altvertrag nur noch zum Sparen, rufen aber kein Bauspardarlehen ab. Die Zinsen aus den Bauspardarlehen dienen im Kollektiv der Bausparer aber dazu, die Guthabenzinsen der Sparer zu bezahlen – so jedenfalls die Theorie. Seit den 1990er Jahren klafft zwischen den eingeworbenen Bauspareinlagen und den begebenen Bauspardarlehen eine immer größere Lücke. Immer weniger Zinseinnahmen stehen also immer höheren Zinsausgaben seitens der Bausparkassen gegenüber:

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Quellen:

Das Tafelsilber liegt, nein, lag in einem Notfallfonds

Und ähnlich den klammen Lebensversicherern erzielen die Baukassen heute kaum noch Rendite für das investierte, vulgo am Kapitalmarkt verliehene, Geld. Die vormals beworbenen Zinsen können sie kaum noch erwirtschaften. Weswegen viele Bausparkassen versuchen, die ihnen zu teuer gewordene Altverträge zu kündigen. Meistens erhalten die Kassen von den Richtern eine Abfuhr, die urteilen: „Pacta sunt servanda. Deutsch: „Verträge sind einzuhalten“. Und ein „Basta“ sollte man ergänzen, rein juristisch natürlich.

Seit 2015 dürfen die Bausparkassen laut Gesetzgeber ihr Tafelsilber zu Geld machen, um ihre Bilanzen zu pimpen, weil ihnen Geld für relativ hohe Zinsschulden gegenüber den Kunden zunehmend knapper wird. Dabei geht es um ihre so genannten Notfallfonds. Das sind Kapitalstöcke, mit denen die Baukassen ursprünglich die Zuteilung der Baukredite beschleunigen sollten. Offiziell heißen diese Mittel in der Bilanz „Fonds zur bauspartechnischen Absicherung“ (FbtA): Wir reden im Weiteren von den Notfallfonds.

Bausparkassen durften Notfallfonds leeren

Im Jahr 2015 erlaubte der Gesetzgeber den Bausparkassen, ihre Notfallfonds zu öffnen, damit die Kassen aus diesem Topf ihre wegen hoher Zinszusagen entstandene Finanzlöcher stopfen können. Per Stand Ende des Jahres 2014 lagen in den Notfonds der Baukassen noch rund 2,2 Milliarden Euro Reserven.

Als das neue Bausparkassengesetz (BausparkG) und Verordnungen im Jahr 2015 galten, fingen die Kassen an, die Fonds anzuzapfen. Ende 2015 fehlten bereits 200 Millionen Euro in den Notfallfonds der Kassen. Das antwortete die Bundesregierung Anfang Juli 2017 auf eine entsprechende Anfrage von Bündnis90/Die Grünen im Deutschen Bundestag.

Notfallfonds – Entwicklung seit 2007

Anfang 2017, das antwortete die Regierung den Grünen ebenfalls, stand der Notfallfonds der Bausparkassen bei 1,33 Milliarden Euro (zur Erinnerung: Ende 2014 waren es noch 2,2 Milliarden). Im Jahr 2016 und 2017 haben die Bausparkassen dann heftiger zugelangt, wie die nachfolgende Tabelle der FbtA-Fondsentwicklung (Bausparkassen-Branche) zeigt.

Jahresende Volumen in Mrd. Euro
2007 1,65
2008 1,74
2009 1,90
2010 2,07
2011 k.A.
2012 2,14
2013 2,16
2014 2,20
2015 1,98 (Jahr der Gesetzesänderung)
2016 1,34
2017 0,64
2018 0,55
Quelle: Bundesregierung 2017, Verband der Privaten Bausparkassen e.V., Irrtümer, Rechen- und Übertragungsfehler vorbehalten

Zu den 2018er-Zahlen äußerte sich der Verband der Privaten Bausparkassen e.V. als Quelle der Werte folgendermaßen:

„Auch 2018 haben deutsche Bausparkassen die ihnen vom Gesetzgeber im Jahr 2016 gewährte Chance genutzt, Mittel aus dem Reservetopf „Fonds zur bauspartechnischen Absicherung“ vor allem in den Reservetopf für allgemeine Bankrisiken nach § 340 g HGB umzuschichten. Der § 340 g HGB zählt im Gegensatz zum „Fonds zur bauspartechnische Absicherung“ zum aufsichtsrechtlichen Eigenkapital. Die Umschichtung stärkt die Risikotragfähigkeit der Bausparkassen und damit ihre Zukunftsfähigkeit. Gegenüber dem Vorjahr hat sich das Volumen der Umschichtung deutlich reduziert: von 703 Millionen Euro im Jahresverlauf 2017 auf 89 Millionen Euro im Jahresverlauf 2018. Wie schon 2017 ging es allein um eine verbesserte Risikovorsorge.“

Fbta-Notfallfonds – Aktuelles Volumen

Stand FbtA-Fonds (in Mio. Euro)
Bausparkasse 2018 2017 2016 2015 2014 2013 2012 2011
Quelle: Bundesanzeiger.de (Irrtümer, Rechen- und Übertragungsfehler vorbehalten)
Aachener Bausparkasse 0 0 0 8,8 8,8 8,8 8,8 1,5
Alte Leipziger Bauspar AG 0 0 0 19,1 2,5 2,5 2,5 2,5
BHW Bausparkasse AG 0 0 59,5 128 128 128 128 124,7
BKM – Bausparkasse Mainz 0 1,7 1,7 1,7 2,4 2,4 0 0
BSQ Bauspar AG (vormals Quelle Bausparkasse) 1,8 1,8 1,5 1,8 1,8 1,8 1,8 1,8
Debeka Bausparkasse 0 0 24,8 78 78 78 78 78
Deutsche Bank Bauspar – AG 0 19 103,5 163 217,4 201,8 177,9 160,6
Deutsche Bausparkasse Badenia 18 39,3 54,8 65,7 69,2 69,2 69,2 69,2
Deutscher Ring Bausparkasse 0 2,3 4,6 6 6,8 6,8 6,8 6,8
LBS (Berlin – Hannover) 1 5,5 5,5 5,5 5,5 5,5 5,5 5,5
Schwäbisch Hall 278 278 702,8 1.053 1.053 1.053 1.053 1.053
SIGNAL IDUNA Bauspar AG 0 0 1,7 5,8 9,9 9,9 9,9 9,9
Wüstenrot Bausparkasse AG 75,7 109,4 194,1 276,1 356,1 356,1 356,1 256,1
Summen 374,5 457 1.154,5 1.812,5 1.939,4 1.923,8 1.897,5 1.769,6
Achtung!

Die Deutsche Bank Bauspar AG gehört seit Mai 2019 zur BHW Bausparkasse AG.

Fbta-Notfallfonds – Entnahmen seit 2011

Fbta-Notfallfonds – Entnahmen (in Mio. €)
Bausparkasse 2018 2017 2016 2015 2014 2013 2012 2011
Quelle: Bundesanzeiger.de (Irrtümer, Rechen- und Übertragungsfehler vorbehalten)
Aachener Bausparkasse 0 0 8,8 0 0 0 -7,3 0
Alte Leipziger Bauspar AG 0 0 19,1 -16,6 0 0 0 0
BHW Bausparkasse AG 0 59,5 67,5 0 0 0 -3,3 0
BKM – Bausparkasse Mainz 1,7 0 0 0,7 0 -2,4 0 0
BSQ Bauspar AG (vormals Quelle Bausparkasse) 0 -0,3 0,3 0 0 0 0 0
Debeka Bausparkasse 0 24,8 53,2 0 0 0 0 0
Deutsche Bank Bauspar – AG 19 84,5 61 54,6 -15,6 -23,9 -17,3 -19
Deutsche Bausparkasse Badenia 21,3 15,6 10,8 3,5 0 0 0 0
Deutscher Ring Bausparkasse 2,3 2,3 1,4 0,9 0 0 0 0
LBS (Berlin – Hannover) 4,5 0 0 0 0 0 0 0
Schwäbisch Hall 0 425 350 0 0 0 0 -22,6
SIGNAL IDUNA Bauspar AG 0 1,7 4,1 4,1 0 0 0 0
Wüstenrot Bausparkasse AG 33,7 84,7 82 80 0 0 0 0
Gesamt 82,5 697,8 658,2 127,2 -15,6 -26,3 -27,9 -41,6
Achtung!

Entnahmen mit negativen Vorzeichen bedeuten Zuführungen von Geldern.

Fonds für allgemeine Bankrisiken – Aktuelles Volumen

Fonds für allgemeine Bankrisiken (in Mio. €)
Bausparkasse 2018 2017 2016 2015 2014 2013 2012 2011
Quelle: Bundesanzeiger.de (Irrtümer, Rechen- und Übertragungsfehler vorbehalten)
Aachener Bausparkasse 1,2 2 2 1 1 0 6 6
Alte Leipziger Bauspar AG 20,5 21 19,1 19,1 17 16,2 15,2 11,5
BHW Bausparkasse AG 52,3 117,4 145,5 145,5 167,5 82,5 82,5 0
BKM – Bausparkasse Mainz 7,2 5,2 2,6 2,6 2,6 11,1 11,1 0
BSQ Bauspar AG (vormals Quelle Bausparkasse) 0 2,5 0,3 0 0 0 0 0
Debeka Bausparkasse 229 273 264,4 208,3 207,3 207,3 206,6 184,4
Deutsche Bank Bauspar – AG 352,7 259,9 175,4 115 157 0 10 10
Deutsche Bausparkasse Badenia 71 50 35 20 0 0 0 0
Deutscher Ring Bausparkasse 0 0 1,3 2,2 1,2 2,7 3 2,4
LBS (Berlin – Hannover) 126,6 123,4 115,6 109 100,3 74,3 58,7 48,7
Schwäbisch Hall 1.983 1.982 1.465 1.175 1.175 1.105 1.024 889,5
SIGNAL IDUNA Bauspar AG 10,4 10,4 8 4 0 0 0 0
Wüstenrot Bausparkasse AG 288,2 254,5 245 163 83 83 42,8 35,4
Gesamt 3.142,1 3.102 2.479 1.965 1.912 1.582 1.460 1.188

Zusammenhang zwischen Ftba-Notfallfonds und den Fonds für allgemeine Bankrisiken

Was machen die Bausparkassen mit dem ganzen Geld, dass sie den Notfallfonds entnehmen, bis sie teilweise leer sind? In den meisten Fällen lagern sie es um. Und zwar in die Fonds für allgemeine Bankrisiken. Die meisten Bausparkassen setzen das Geld aus den Notfallfonds 1:1 in den Fonds für allgemeine Bankrisiken ein, sodass die Schere zwischen beiden Töpfen immer weiter auseinander geht, wie das nachfolgende Diagramm zeigt.

Als Begründung liest sich bspw. im Jahresbericht Wüstenrot Bausparkasse AG zum Geschäftsjahr 2017 Folgendes:

„Der Fonds zur bauspartechnischen Absicherung dient gemäß § 6 Abs. 2 BSpkG der Erhöhung des kollektiven Sicherheitsstandards mit dem Ziel einer gleichmäßigen Zuteilungsfolge sowie zur Sicherstellung des nachhaltigen Betriebs des Bauspargeschäfts. Nach den gesetzlichen Bestimmungen des § 7 BSpkV sind Mehrerträge aus einer außerkollektiven Anlage der Kollektivmittel dem Fonds zuzuführen. Mehrerträge ergeben sich, wenn der Unterschiedsbetrag zwischen Ist-Zinsertrag und Soll-Zinsertrag positiv ist. Ebenso können bei einem negativen Unterschiedsbetrag zwischen dem Ist-Zinsertrag (§ 7 Abs. 2 BSpkV) und dem Soll-Zinsertrag (§ 7 Abs. 3 BSpkV) Bausparkassen gemäß § 8 Abs. 4 BSpkV bis zu acht Zehntel dieses negativen Unterschiedsbetrags dem Fonds zur bauspartechnischen Absicherung entnommen werden. Von dieser Möglichkeit hat die Wüstenrot Bausparkasse AG im Geschäftsjahr 2017 Gebrauch gemacht und dem Fonds zur bauspartechnischen Absicherung 84,7 (Vj. 82,0) Mio € entnommen.“

Kurz gesagt: Der Zinsertrag war in der Vergangenheit aufgrund der Niedrigzinsphase kein Ertrag, sondern ein Verlust, weshalb die Gelder umverteilt werden müssen.

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Quellen:

Einzelfallbetrachtung

Kleinerer Notfallfonds bei Wüstenrot und anderen Bausparkassen

Wir von Bausparvertrag.net haben einmal die Geschäftsberichte großer Bausparkassen analysiert. Die hier betrachteten „großen Brocken“ der Bausparkassen kamen per Ende 2018 nur noch auf 0,37 Milliarden Euro Bestand ihrer Notfallfonds. Ausweislich der Bilanzen der hier aufgeführten Bausparkassen haben diese allein im Jahr 2017 einen Betrag von 698 Millionen Euro aus ihren Notfallfonds entnommen – also mehr als die Hälfte ihres Tafelsilbers per Jahresende 2016. 2018 wurden immerhin noch rund 83 Mio. Euro entnommen, viel blieb ja auch nicht mehr übrig. Mittlerweile führen acht der 13 aufgeführten Bausparkassen keinen einzigen Cent mehr in ihren FbtA-Fonds.

FbtA-Entnahmen bei Schwäbisch Hall und Co.

2016 und 2017 waren die Jahre der großen Entnahmen. Allein Schwäbisch Hall hat ihrem Geschäftsbericht nach in diesen Jahren 350 Mio. Euro bzw. 425 Mio. Euro aus dem (FtbA-)Notfallfonds entnommen. Bei Wüstenrot waren es 82 Mio. Euro und knapp 85 Mio. Euro. Bei BHW 68 Mio. Euro und 60 Mio. Euro. 2018 folgten dann deutlich weniger Entnahmen bis hin zu gar keinen Entnahmen aus den FbtA-Notfallfonds.

Leere Notfallfonds nicht nur bei der BHW

Nach den ersten Entleerungen im Jahr 2016 hat im Jahr 2017 beispielsweise auch die BHW Bausparkasse ihren Notfallfonds entleert. 59,5 Mio. Euro halfen der Kasse bilanziell, teure Sparzinsen ihrer Kunden zu päppeln. Nun ist deren Notfallfonds gleich null. Null. Die Debeka Bausparkasse hat 2017 ebenfalls ihre letzten Reserven verfeuert. 24,8 Mio. Euro aus dem Notfallfonds wurden letztes Jahr aufgegessen. Nun ist auch deren Notfonds bei null. Bei der Signal-Iduna-Gruppe (als Versicherung bekannt) steht der Bauspar-Notfallfonds nun ebenfalls auf null. Und null bedeutet, dass den Bausparkassen von BHW, Debeka, Signal-Iduna und einigen weiteren kein Notfallfonds-Vermögen mehr zur Disposition steht. Dieser Trend setzte sich für 2018 fort.

Und weil die Situation ist, wie sie ist, sagte beispielsweise die Debeka Bausparkasse dazu in ihrem Geschäftsbericht 2017: „Zur Stärkung der Eigenmittelbasis und zur Sicherung des Kollektivs wurde der Fonds zur bauspartechnischen Absicherung (FbtA) über eine Entnahme in Höhe von 24,8 Millionen Euro vollständig aufgelöst.“ Null.

So dann freut sich die Debeka Bausparkasse, untypisch für Anlegerwerber:
„Im klassischen Bauspargeschäft konnte erfreulicherweise die sehr positive Entwicklung unseres Niedrigzinstarifs BS4 fortgesetzt werden. Die im Tarif BS4 abgeschlossene Bausparsumme stieg um 5,8 % auf 1.452,4 (Vorjahr: 1.372,3) Millionen Euro.“

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